Erfahrungsbericht: Wie entsteht eigentlich Prüfungsangst?

Um aus der Spirale von Prüfungsangst zu entfliehen, nimmt Richard nun professionelle Hilfe in Anspruch.

„Prüfung – bitte Ruhe!“ Schilder mit dieser Aufschrift verraten, dass hinter den geschlossenen Türen Menschen angestrengt über Prüfungsfragen schwitzen. Fragen zu einem Thema, das so absolut fremd erscheint und doch bekannt sein sollte, denn schließlich ging es im Seminar im letzten halben Jahr um nichts anderes. Doch die Buchstaben verschwammen nur so. Buchstabensalat. Schweißnasse Hände. Ein leerer Kopf. Wo ist die Tür? Dort! Raus hier!

So beschreibt Richard den Tag an dem er beschloss: Ich werde mich keiner Prüfung mehr stellen. Doch Richard hatte gerade die Hälfte seines Studiums hinter sich. Richard wollte Lehrer werden. Aussichtsreich war seinen Berufschancen mit der Fächerkombination Chemie – Physik allemal, denn Naturwissenschaftler werden gebraucht, doch seit der Zwischenprüfung hat Richard keine Prüfung mehr geschrieben. Versucht hat er es wohl. Er kam meistens bis an den Prüfungstisch. Dann sind die Prüfungsfragen vor seinen Augen verschwommen wie Buchstaben in einer Suppe. Manchmal lähmte ihn die Angst auch schon in Anbetracht der Schilder „Prüfung – bitte Ruhe!“. Was war passiert?

Ein bevorstehender Test kann bei Prüfungsangst wahre Panikattacken auslösen.
Ein bevorstehender Test kann bei Prüfungsangst wahre Panikattacken auslösen.

Richard erzählt seine Geschichte: So entstand bei ihm die Prüfungsangst

„Die Nacht vor der Zwischenprüfung war die Hölle“, erklärt der Student. „Erst konnte ich nicht einschlafen und dann gingen mir tausende Gedanken durch den Kopf.“ Richard erzählt von einer Lerngruppe, mit der er sich neu zusammengefunden hatte, doch anstatt zu lernen, wurden dort meist nur Horrorszenarien und horrende Durchfallquoten rezitiert. „Ich verbrachte viel Zeit mit meinen Kommilitonen, die ich besser ins Lernen investiert hätte“, erklärt Richard.

Die Deutung des Angst-Coaches, den Richard nun regelmäßig besucht, lautet: „An diesem Beispiel lassen sich gleich zwei Gründe für die Entstehung von Prüfungsangst deutlich machen: Zunächst war Richard nicht mehr so gut vorbereitet, wie er es sonst war. Und darüber hinaus meißelten sich die Horrorszenarien so sehr in seinen Kopf, dass sie real zu werden schienen.“

Neun Monate lang, also fast zwei Semester, ließ Richard sich von der quälenden Prüfungsangst fast schon beherrschen. Instinktiv versuchte er, sein Studium wieder in die richtigen Bahnen zu lenken, lernte allein und versuchte die negativen Angstgedanken mit motivierenden Gedanken zu vertreiben. „Du musst die verpassten Prüfungen wieder reinholen, aufholen, schneller und besser werden“, sagte er sich immer wieder vor. Doch statt Motivation waren nur weitere Ängste die Folge.

Der Angst-Coach erklärt: „Richard versuchte, das Versagen durch seinen Perfektionismus wieder wett zu machen. Doch das erhöhte nur den Druck und auch die Angst.“ Die Erwartungen an sich selbst waren schlicht zu hoch. Ein weiterer Grund der Entstehung von Prüfungsangst.

Als auch der eigene Ehrgeiz ihn nicht mehr zu retten schien, suchte er intuitiv Rat bei Familie und Freunden. Richards Eltern sind beide Lehrer. Sie haben sich im Studium kennengelernt, eine Bilderbuchkarriere hingelegt, nach dem Referendariat geheiratet, die Verbeamtung gemeinsam gefeiert und sich ein klassisches Familienleben aufgebaut – mit Richard und seiner Schwester Carmen, die erst im vergangenen Jahr einen Doktor geheiratet hat.

„Richard suchte nach Halt und Unterstützung und wurde mit Ehrgeiz und noch mehr Perfektionismus konfrontiert“, beschreibt der Angst-Coach Richards Situation. „Der Druck der Gesellschaft ballte sich unweigerlich in Richards Familie, obgleich ihr Erziehungsstil eigentlich immer vergleichsweise liberal war.“

Richards Ausweg aus der Prüfungsangst hieß „Psychologie“

Richards Glück war, dass er nie seinen Wissensdurst verloren hatte – und so begann er in einem für ihn gänzlich unbekannten Feld zu recherchieren: der Psychologie. Er wälzte Studien und lernte den Unterschied zwischen manifester Angst und Angst als Persönlichkeitseigenschaft.

Der Angst-Coach erklärt: „Prüfungsangst ist eine manifeste Angst, da sie sich auf die Prüfungssituation, die Leistungserhebung und Leistungsbewertung bezieht. Diese Angst wird auch in der Wissenschaft auch als Bewertungsangst beschrieben.“

Doch Richard erkannte: Nun ist professionelle Hilfe nötig. Er wandte sich an einen Psychologen. Heute ist dieser sein Angst-Coach. Gemeinsam habe sie sich dem Thema Angst genähert. Rein wissenschaftlich betrachtet hat Richard während den Sitzungen viel dazugelernt, denn das wissenschaftliche Feld der Prüfungsangst ist gar nicht so gut beleuchtet, wie es vielleicht sein sollte.

Fünf Modelle zur Entstehung von Prüfungsangst

Mit fünf verschiedenen Modellen, wie Prüfungsangst entsteht, näherte sich gemeinsam mit seinem Angst-Coach dem Thema:

1.) Das sogenannte „Drive Model“ unterstellt, dass jedes Individuum ein gewisses Angstpotential hat. In diesem Modell von Spencer und Taylor, das auf die 50er und 60er Jahre des 20. Jahrhunderts zurückgeht, ist der (An-) Trieb die Grundlage der Angst.

2.) Die sogenannten „Aufmerksamkeitshypothesen“ aus den 70er und 80er Jahren des 20. Jahrhunderts sehen einen Grund der Entstehung von Prüfungsangst darin, dass Menschen, die darunter leiden, sich leichter ablenken lassen. Sie verlieren sich in Gedanken, was wie schiefgehen wird und verlieren dabei Zeit, sich auf die Prüfungsvorbereitung oder die Prüfung selbst zu konzentrieren. Kommt Stress hinzu, verstärkt das die Prüfungssituation.

3.) Auch in den „Fertigkeitendefizitmodellen“ liegt mehr als nur ein Fünkchen Wahrheit, denn sie erklären die Entstehung von Prüfungsangst durch schlechte Prüfungserfahrungen, die auf schlechter Prüfungsvorbereitung basieren.

4.) Das sogenannte „Selbstregulationsmodell“, das von Scheier und Carver ausführlich dokumentiert wurde, sieht Selbstzweifel und ein mangelndes Selbstbewusstsein als mögliche Gründe für die Entstehung von Prüfungsangst an. Radikalisiert wird diese Denkrichtung im „Selbstleistungsmodell“, welches die Entstehung von Prüfungsangst auf eklatante Versagensängste zurückführt. Gründe hierfür sind oft in Elternhaus und Schule zu finden.

5.) Besorgtheit und Emotionalität sind laut Spielberger und Vagg und ihrem Ende des 20. Jahrhunderts dokumentierten „transaktionalen Modell“ für die Entstehung von Prüfungsangst verantwortlich. Angst entsteht hier durch das Gefühl, einer bewertenden Situation ausgesetzt zu sein.

Die Entstehung von Prüfungsangst zu verstehen, half Richard, neue Kraft zu schöpfen

Um aus der Spirale von Prüfungsangst zu entfliehen, nimmt Richard nun professionelle Hilfe in Anspruch.

Richard trainiert nun mit seinem Angst-Coach. Prüfungssituationen stehen auf dem regelmäßigen Trainingsprogramm. Er besucht weiterhin Seminare und Vorlesungen, um sein Studium voranzutreiben. Denn Richard will Lehrer werden – und vielleicht sogar noch Psychologie als Nebenfach erweitern, denn wer weiß, vielleicht kann er mit seinem Wissen über Prüfungsangst später einmal seinen eigenen Schülern helfen.

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