Gibt es Medikamente gegen Prüfungsangst?

Gefährlicher Trend: Medikamente zu nehmen scheint von vielen als einfachste Methode verstanden zu werden. Doch die Nachhaltigkeit von Medikamenten ist fragwürdig.Ja, die gibt es, doch eins sei vorweg gesagt: Medikamente gegen Prüfungsangst sind im Grunde genommen Medikamente, die auf ärztliche Anweisung zu nehmen sind. Von allen anderen Medikamenten ohne ärztliche Aufsicht ist dringend abzuraten, denn das Risiko, von den Mitteln zur Angstbekämpfung abhängig zu werden, ist vergleichsweise hoch. Wenn also alternative Methoden nicht mehr helfen, raten Profis dringend zu einer professionellen Therapie – die auch durch Medikamente gegen Prüfungsangst begleitet werden kann.

Gängige Medikamente, die zur Angstbekämpfung von Ärzten verschrieben werden, sind

Beruhigungsmittel Sie gelten als die einfachste Methode, Prüfungsangst in den Griff zu bekommen. Das heißt jedoch nicht, dass eine Einnahme empfohlen wird. Der langwierigere Weg – beispielsweise eine kognitive Verhaltenstherapie oder eine Umstellung der Lebensweise – ist weitaus zielführender und belastet den Körper viel weniger als die Einnahme von Beruhigungsmitteln, allerdings dauert diese körperschonende Variante vielen zu lange. Zudem bringen Beruhigungsmittel oft den Nachteil mit sich, in Prüfungen müde zu machen.
Antidepressiva Sie klingen von Grund auf bereits besorgniserregend, denn es sind letztlich Medikamente, die aus der Psychotherapie kommen und zur Linderung von Angstzuständen dienen. Das heißt aber auch: Wird das Medikament abgesetzt, kommen die Symptome wieder zurück. Antidepressiva haben eine lange Liste an Nebenwirkungen. In der Prüfung selbst können sie zu mangelnder Konzentrationsfähigkeit führen. Auch körperliche Nebenwirkungen wie Schwindelgefühle und Magendarm-Störungen waren häufig zu beobachten. Rein biologisch betrachtet beeinflussen Antidepressive den Körper insofern, dass der Histamin-Spiegel manipuliert wird. Das wirkt entspannend. Über einen Eingriff in den Nordadrenalin-Haushalt fühlt der Patient einen größeren Antrieb.
Betablocker Betablocker als Medikament zur Linderung von Prüfungsangst aufzuführen, ist an dieser Stelle kein Fehler, auch wenn das Medikament eigentlich aus der Bluthochdruck-Behandlung bekannt ist. Betablocker setzen an den bekannten Prüfungsangst-Symptomen an: Sie verringern den erregten Herzschlag, minimieren das Erröten und das Schwitzen – und sind kurz vor der Prüfung bestens eingesetzt, denn sie wirken binnen einer halben Stunde. Auch wer Betablocker nimmt, läuft Gefahr, in der Prüfung unter Konzentrationsschwierigkeiten zu leiden.

Wer die Medikamente und ihre Wirkung näher betrachtet und auch die Nebenwirkungen nicht außer Acht lässt, sollte schnell zu der Erkenntnis kommen, dass homöopathische Medikamente oder alternativ eine langfristig angelegte Angsttherapie die sinnvollere Weise ist, die Prüfungsangst zu bekämpfen, anstatt auf Medikamente zu setzen. Neben Globuli haben sich Baldrian und Johanniskraut aus der Kräuterecke in jedem Fall bewährt. Diese gibt es im Übrigen auch rezeptfrei, was nicht heißen soll, dass sich durch die Einnahme von homöopathischen Mitteln der Gang zum Profi umgehen lässt. Wichtig ist in jedem Fall eine genaue Anamnese – und die kann nur der Fachmann geben.

Anschließend sollte – in Abhängigkeit von der Stärke der Prüfungsangst ein Gesamtkonzept zur Therapierung (und nicht nur Symptom-Ausschaltung) erarbeitet werden. Ziel muss sein, die Gründe zu erschließen, die der Prüfungsangst zugrunde liegen und im Rahmen einer Therapie – die in therapeutischen Sitzungen und unter medikamentöser Begleitung erfolgen kann – zu bekämpfen.

Psychische Störungen lagen zwischen 2011 und 2013 auf Platz 4 der häufigsten Krankheiten in Deutschland, wie die folgende Statistik zeigt:

Statistik: Anteil der häufigsten Krankheitsarten in Deutschland in den Jahren 2011 bis 2013 | Statista

Medikamente zu nehmen, liegt offensichtlich im Trend

Der  Gesundheitsbericht der DAK 2015 machte in diesem Zusammenhang erschreckendes deutlich: Laut Studie nehmen drei Millionen Beschäftige regelmäßig Medikamente zur Leistungssteigerung und zur Verbesserung der Stimmungslange. Zwar handelt es sich bei Arbeitnehmern nicht um das klassische Klientel, das unter Prüfungsangst leidet, jedoch kann eine sehr deutliche Parallele gezeichnet werden: Prüfungsangst entsteht unter Druck. Auch Arbeitnehmer stehen unter Druck. Daher seien nun noch weitere Details der Studie angeführt:

  • 6,7 Prozent der Berufstätigen (und das sind die eingangs erwähnten drei Millionen Menschen) haben schon einmal Medikamente zum „Hirndoping“ konsumiert – und zwar ohne medizinische Notwendigkeit. Zum Vergleich: In der Studie aus dem Jahr 2008 waren es nur 4,7 Prozent. Die Tendenz ist also steigend.
  • Die Dunkelziffer liegt höher bei geschätzten zwölf Prozent – und damit bei fünf Millionen Erwerbstätigen, so die DAK. Darüber hinaus sind auch die anderen Erwerbstätigen dem sogenannten „Neuro-Enhancement“ nicht abgeneigt.
  • Eine deutliche Parallele zur Prüfungsangst zeigt sich in der Angabe von vier von zehn Hirn-Dopern, die angaben besonders bei Verhandlungen oder Präsentationen auf Medikamente zurückzugreifen.
  • Zudem zeigt sich ein Gender-Unterschied: Männer haben das Ziel, beruflich erfolgreich zu sein – und Energie für Privates zu haben. Sie konsumieren häufiger anregende Medikamente. Frauen hingegen nehmen Medikamente, um dem Druck emotional standhalten zu können. Sie konsumieren häufiger stimmungsaufhellende Medikamente.
  • Menschen, die eher einfachen Tätigkeiten nachgehen, nehmen laut DAK-Studie häufiger Medikamente zur Leistungssteigerung oder Stimmungsverbesserung als beispielsweise Führungskräfte.
  • 60,6 Prozent der konsumierten Medikamente sind Präparate gegen Nervosität, Angst und Unruhe. 34 Prozent sind Antidepressiva. Betablocker werden von 11,1 Prozent der Dopern konsumiert. Und meist werden die Medikamente von den Ärzten verschrieben.
  • Viele befragte Beschäftigte haben bereits erkannt, dass nicht Medikamente die Lösung sein können, sondern das ein geändertes Lebenswandel wichtig ist, um leistungsfähig zu bleiben: Mehr als 50 Prozent sehen in der richtigen Organisation einen wichtigen Punkt, fast ebenso viele setzen auf eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung. Verhältnismäßig viele Befragte setzen auf ausreichend Schlaf.

Bildnachweis: jarmoluk/pixabay.com